«Ein nicht ganz dunkler Rand einer verlorenen Aureole»
2025, Sonic Matter, Walcheturm, Zürich
Martina Buzzi, Kreation
Axel Kolb, Produktion
Monika Stalder, Gesang
«Ein nicht ganz dunkler Rand einer verlorenen Aureole», ist an das «Kyrie» von Johannes Ockeghem (Missa pro defunctis) angelehnt — jedoch nicht als Wiederherstellung eines historischen Ganzen, sondern als Verfahren der Fragmentierung. Die liturgische Form der Anrufung wird zum Dialog mit einer unbekannten Grenze, deren Ort selbst zum musikalischen Raum wird. Das Requiem fungiert als Bezugspunkt eines Bedeutungsfeldes von Vergänglichkeit und Absenz, dessen Symbolik zugleich entzogen bleibt: Vergänglichkeit erscheint nicht als Narrativ des Zerfalls, sondern als dauerhaft verbleibender Rest — eine Lücke, die sich vollständiger sprachlicher und rationaler Erfassung entzieht. Der Zustand dieser Unvollständigkeit zeigt sich im vergeblichen Versuch, den drei Stimmen des Stücks eine gemeinsame Syntax zu verleihen. Fragmentierung bleibt unsichtbar, erscheint nur als blinder Fleck — ein Soetwas, das sich selbst nicht vollständig umfassen kann.
Die Figur der Lumpensammlerin nach Gertrud Kolmar dient als Metapher einer doppelten Bewegung: Sie sammelt Klangfragmente, die zugleich ihr eigener Mangel sind, und grenzt sie ab. Dieses Einfügen und Abgrenzen schafft einen «Passageraum» zwischen Innen und Außen, in dem vertraute Ordnungen suspendiert oder aufgelöst werden. Stimmen, Tape‑Aufnahmen und Posaune verweben sich nicht zu einem stabilen Kanon, sondern verstimmen einander durch mikrotonale Verschiebungen, rhythmische Inkohärenzen und Interferenzen — DIE PEITSCHE!! Elektronische Eingriffe zerlegen Ockeghems Originalmaterial bis auf spektrale Obertöne. Shepard‑Töne unterwandern die zeitgenössische Bearbeitung, sodass immer neue Brüche und Momente des Unmöglichen entstehen. Jeder Moment scheinbarer Struktur wird unmittelbar wieder aufgelöst: Kurz auftretende Intervalle und rhythmische Muster verfallen, bevor sie sich etablieren können.
Das Stück ist ein Prozess permanenter Transformation und andauernden Zerbrechens, in dem Diskontinuitäten abrupt in Erscheinung treten. Wo ein Zentrum in Sicht gerät, wird es durch zusätzliche Schichten, mikrotonale Verschiebungen und Rhythmusbrüche erneut in Frage gestellt. Selbst wo kurz Klarheit aufscheint, zerfällt sie im nächsten Augenblick. Es entsteht der Eindruck einer fortlaufenden Vervielfältigung, die zugleich zerbröckelt. Dissonanzen führen einen kontinuierlichen Dialog der Differenzen — eine diskontinuierliche musikalische Beziehungsstruktur. Form wird durch permanente Veränderung von Texturen sowie durch andauernde Neustrukturierung des Materials abgestraft. Die konservative Anordnung der Intervallverbände formuliert eine zerstückelte Kontinuität, in der melodische Reste den üblichen großaformalen Prozessen untergeordnet bleiben. Das «Kyrie» gerät in den Zustand einer persönlichen Pastiche, die das Nichtgrebare zum Kern des Materials macht und die vorherige Geschlossenheit des Satzes auflöst. Jede angedeutete Ordnung bleibt vorläufig und ihre Spur unverzüglich verschwindet.